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 Archäologie 
 

aus dem    NZZ Monatsarchiv

Neue Zürcher Zeitung INLAND Samstag, 02.08.1997 Nr. 176 12


Wie lebten die Zeitgenossen von Wilhelm Tell?

Mittelalterliche Alphütten auf der Melchsee-Frutt

Auf der Melchsee-Frutt haben Archäologen der Universität Basel Überreste von Alphütten aus dem 13. bis 17. Jahrhundert freigelegt. Die Funde, Tierknochen, Steine, Nägel und anderes, zeigen unter anderm, dass sich Älpler und Hirten im Mittelalter von Milch, Käse und Brot sowie Schweine- und Rindfleisch ernährten. Frauen blieben in der Innerschweiz während der Alpzeit im Tal.

mjm. Melchsee-Frutt, 31. Juli

 

Ein Forschungsteam der Universität Basel unter der Leitung von Jakob Obrecht und Prof. Werner Meyer führt vom 14. Juli bis zum 14. August Grabungen auf der Melchsee-Frutt durch. Die 14 Forscherinnen und Forscher, darunter Studenten aus Schweden und Finnland, haben mehrere mittelalterliche Alphütten ausgegraben. Die Überreste stammen nach Einschätzung der Archäologen aus dem 13. bis 17. Jahrhundert. Die Funde liefern wichtige Hinweise auf die Lebensweise der Hirten und Sennen und die Nutzung der Alpen in früheren Jahrhunderten, weil schriftliche Quellen für diese Fragestellung weitgehend fehlen. Ähnliche Ausgrabungen führte Prof. Meyer bereits in den Kantonen Uri, Schwyz, Glarus und Wallis durch. Insgesamt 27 ehemalige Alphütten befinden sich auf der Melchsee-Frutt unterhalb des Bonistocks. Es handelt sich um eine sogenannte Alpwüstung - einen Siedlungsplatz, der aus unbekannten Gründen aufgegeben worden ist.

Die Überreste weisen darauf hin, dass die Gebäude als Wohnbauten, teilweise mit integrierter Sennerei, als Ställe, Keller und Lagergebäude gebraucht worden sind. Immer stiessen die Forscher auf einen Feuerplatz, manchmal auf einen flachen Stein mit einer kleinen Höhlung. Darin lagerte ein drehbarer Holzgalgen, an dem ein Eisen- oder Kupferkessel zur Käseherstellung baumelte. Die Sennen bauten ihre Hütten ganz aus Stein. Als Rohmaterial dienten die Steine der Umgebung, die nur grob bearbeitet wurden. Die Sennen schliefen auf Holzlagern in Bodennähe. Unebenheiten beim Liegen wurden mit Laub oder Gestrüpp ausgeglichen. Durch Türen, in seltenen Fällen kleine Fenster, diese mehr Löcher als regelmässige Öffnungen, drang wenig Tageslicht herein. Die Dächer waren mit hölzernen Brettschindeln bedeckt. Eine Besonderheit auf der Melchsee-Frutt war der Eisenerzbergbau. Auf der nahen Erzegg wurde zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert ein Eisenbergwerk betrieben, der Rohstoff gelangte vermutlich in Luzerner Betriebe.

Den Normalfall früherer Zeiten gefunden

Auf den Fund des Jahrhunderts sind die Archäologen aus Basel nicht gestossen, Stein und Erde gaben andere Geheimnisse preis, die den Normalfall früherer Zeiten beleuchten, wie Meyer erklärte. Das Grabungsteam barg Nägel, Messer, Hufeisen und Hufnägel, Bergstockspitzen, Steinspaltkeile, Schnallen, eine Maultrommel (Trümpi), Wetzsteine und Tierknochen, die vom Archäozoologen Philippe Morel untersucht werden. Die Archäologen legten Knochen von Schweinen, von kleinwüchsigen Rindern, von Ziegen und Schafen und einem Murmeltier frei, der einzige Überrest eines jagdbaren Wildtiers, der an diesem Ort gefunden worden ist. Bei den Ausgrabungen ist zudem ein schön bearbeiteter Knochen entdeckt worden, der vermutlich als Knochenflöte gedient hatte. Die Forscher stiessen weiter auf spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Münzen aus den Kantonen Luzern, Zug und Wallis sowie aus dem Herzogtum Mailand, die auf Handel mit Vieh nach Oberitalien schliessen lassen. Als Kuriosum kann gelten, dass eine Tabakpfeife aus dem 17. Jahrhundert geborgen wurde - Beleg dafür, dass das damals aufkommende Laster des «Tabaktrinkens» bereits in abgelegenen Bergtälern zu finden war. Die Kosten der gesamten Ausgrabung, die vom Schweizerischen Nationalfonds und vom Kanton Obwalden getragen werden, belaufen sich auf 340 000 Franken.

Speisekarte mit Landesprodukten

Aus der materiellen Hinterlassenschaft der Grabungen, die in der Erde verborgen lag, lassen sich interessante Rückschlüsse ziehen. Die alten Eidgenossen, die als Hirten auf die Alpen zogen, trugen laut Meyer und Obrecht Holzschuhe und grobes Tuch, das von einem Gurt zusammengehalten wurde, an dem meist ein Säcklein und ein Dolch baumelten. Sie assen gut haltbares Brot, das sie aus dem Tal hinauftrugen, ebenso getrocknetes Fleisch, Käse, aber auch Schweine- und Rindfleisch und tranken Geissmilch. Schweine wurden nicht in erster Linie zum Essen, sondern zum Mästen auf die Alp geführt. Wenn die schwierige Jagd mit Pfeil und Bogen oder der Armbrust gelang, was selten genug der Fall war, so gab es auch einmal Gemsen, Schneehühner oder Murmeltiere.

Besondere Stellung der Frau

Hinweise auf die Anwesenheit von Frauen seien auf der Melchsee-Frutt wie auf andern Alpen nicht gefunden worden, erklärte Meyer. Das sei, mindestens für den zentralen Alpenraum, nicht weiter verwunderlich. Aus vielen Hinweisen wisse man heute, dass die Frauen in der Innerschweiz während der Sommermonate im Tal geblieben seien. Die lange Abwesenheit der Männer lasse vermuten, dass die Rechtsstellung der Frauen in der Innerschweiz anders gewesen sei, dass sie mehr Rechte genossen hätten als in andern Gebieten, sagte Meyer. Die Frauen hätten im Tal zum Rechten sehen müssen, während die Männer auf der Alp gewesen seien. Aus solchen Bedingungen seien Stauffacherinnen entstanden, meinte Meyer. In den Alpen, vor allem der Innerschweiz, hätten die Männer das Vieh besorgt. Im Unterschied zum Mittelland, wo die Viehhaltung Sache der Frauen gewesen sei. Die Innerschweizer Bauern seien deshalb häufig verspottet worden. Sie hätten mit der Pflege des Viehs Frauenarbeit verrichtet. In der Nähe eines Innerschweizers zu Muhen sei eine schwere Beleidigung gewesen, die sofort geahndet worden sei.